#Problem 012
Eine Führungskraft mit Europa-Verantwortung
Eine Führungskraft mit Europa-Verantwortung in einem internationalen Konzern kam nach einem Gespräch mit der Unternehmensleitung zu mir. Man hatte ihr angekündigt, ihre vertraglich vereinbarten Tantiemen aus Kostengründen nicht auszuzahlen. Sie war empört über diese Entscheidung, aber ebenso irritiert über ihre eigene Reaktion: Unter dem Druck ihres Vorgesetzten hatte sie zu weinen begonnen und kaum noch für ihre Position eintreten können. Das passte nicht zu ihrem Selbstbild als erfahrene Führungskraft.
In der Beratung rekonstruierten wir zunächst, was während des Gesprächs geschehen war. Dabei erkannte sie, dass die Situation ein vertrautes Gefühl von Hilflosigkeit ausgelöst hatte. Gegenüber ihrem Vorgesetzten hatte sie sich ähnlich gefühlt wie früher gegenüber ihrem Vater. Diese Verbindung erklärte ihre heftige Reaktion, ohne das Verhalten der Unternehmensleitung zu entschuldigen.
Die Einsicht half ihr, beides voneinander zu trennen: die sachliche Auseinandersetzung um ihre vertraglichen Ansprüche und das Gefühl der Ohnmacht, das die Situation in ihr ausgelöst hatte. Anschließend bereiteten wir das nächste Gespräch konkret vor. Wir klärten, welche Position sie vertreten wollte, an welchen Stellen sie besonders unter Druck geriet und wie sie in solchen Momenten handlungsfähig bleiben konnte.
Im nächsten Termin gelang es ihr, bei ihrer Position zu bleiben und sich nicht erneut in die Defensive drängen zu lassen. Die Vergütungsfrage war damit nicht gelöst und führte später zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung. Dennoch verließ sie das Gespräch zufrieden: Sie hatte ihre Interessen vertreten und sich vom Druck der Gegenseite nicht überwältigen lassen.